Foliage

Brief vom 6. Juli 1895 (mit einiger Verspätung ausgeliefert)

Liebster Johann,

Es ist geschehen. Der Sturm tobt. Die Erkenntnis hat mich übermannt wie eine Flutwelle und mich zu Boden gespült, mich unfähig gemacht zu jeglicher Bewegung, unfähig zu atmen.

Ich liege auf dem harten Dielenboden meines dunklen Schlafzimmers und ersticke an meiner eigenen unerfüllten Hoffnung. Meine Kehle brennt. Mein Herz ertrinkt. Ich habe begriffen, dass Du Dich immer nur dann an mich wenden wirst, wenn Dir bewusst wird, dass ich die einzige Kerze im finsteren Zimmer Deiner verzweifelten Seele bin. Allzu lange war ich das gern, doch ich habe mich verzehrt und nichts ist mehr übrig von mir. Jetzt bleibt mir nur noch die Flamme zu löschen. Keine Gedanken, keine Briefe mehr.

Ich schmecke die abscheuliche Flüssigkeit in meinem Mund noch, doch sie konnte nicht die ersehnte Taubheit über mich bringen. Statt dessen fühlte ich meine Knie nachgeben, wie ich in mich zusammen brach, weil es keinen Halt mehr für mich gab, keine Kraft, keine Liebe, kein Leben. Nichts als brennender Schmerz und eisige Leere.

Ich weiß nicht ob ich Dich vergessen kann, ob ich es genug will, und ich blicke einer ungewissen Zukunft entgegen. Wohl wird es kaum möglich sein Dich hinfort zu wischen, als hättest Du nie in mein Leben eingegriffen, aber vielleicht kann ich Dich ausbleichen und die Erinnerung an Dich von mir schieben, so oft ich die Kraft dazu aufbringen kann. Du darfst nicht mehr sein, als irgendjemand im Nebel, kaum zu erkennen, nicht mehr so greifbar. Dann, eines Tages, trifft mich der Schmerz vielleicht nicht mehr so unvermittelt, so grausam und ich werde nicht glauben in einem anderen Gesicht auf der Straße Dein Wesen zu sehen. Ich werde nicht in den Schlaf sinken und mich verzehren nach der Wärme Deiner Haut. Ich werde nicht mehr morgens erwachen und Deine Stimme im Kopf haben. 

Ich bin schiffbrüchig. Mein kleines Boot hat Deinen Sturm nicht überlebt, dem es sich jahrelang so tapfer stellte. Ich sinke.

Der tobende Sturm, der Schmerz hat meiner Seele ein nasses Grab beschert, fernab Deiner Sonne. Nun bete ich, auf dem Meeresgrund liegend, dass alles grau werde für mich: tröstlich, verschwommen, still.

Doch für jetzt zerbricht meine Seele, weil sie nichts will, als Dich lieben.

Clara.

18.9.09 19:02


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