Foliage

Brief vom 3. Juni 1895

Liebster Johann,

Eine beschwerliche Reise liegt hinter mir und doch ist es eine Anstrengung, die ich gern auf mich nehme um die Frau Mama und den Herrn Papa zu sehen. Das Haus in dem ich mich zurückversetzt fühle, um viele Jahre. An keinem anderen Ort bin ich mir Deiner Nähe so bewusst. Nachts, in meinem Zimmer, wenn mich die Wände umdrängen und mir mein Zufluchtsort wie ein goldener Käfig der Erinnerung scheint.
Hier, wo ich zu ersten Mal einen Brief von Dir in der Hand hielt. Es erschien mir so erstaunlich, so ganz und gar unwirklich etwas in der Hand zu halten, das Du berührt hattest. Deine Gedanken auf Papier und wie Du mich heim holtest mit Deinen Worten, heim zu Dir. Ich stand neben Dir während Du schriebst und auf Deinem Tisch flackerten zwei Kerzen. Oh, ich hätte Dich mit den Fingerspitzen berühren können, so nah fühlte ich mich Dir. Wie Du Dein verlegenes Gesicht im Dunkel verbargst und nach Worten suchtest um zu finden was wir waren, was wir sind. Wie ich errötete über die plötzliche Nähe zu Dir und ganz und gar in Deinen Zeilen versunken war! So viele Jahre ist es her, so viel ist seitdem geschehen. Doch dieser erste Brief liegt noch immer dort und noch immer führt er mich an Deine Seite. Noch immer wird die Sehnsucht nach Dir unerträglich.
Seit zwei Tagen bin ich zurück bei dem, dem ich versprochen bin und Du hängst einem Geist, einem Schatten gleich noch in der Luft. Doch Du nimmst rücksichtsvoll Abstand, weil das der Anstand gebietet. Du wartest, eingeschlossen in schwarzer Tinte und weißem Papier, bis ich Dich wieder erwecken komme um mich dann ganz für Dich zu haben, mich zu umgarnen, zu erfüllen, zu berühren. Welch süßer Rausch! Welch flüchtiges Glück!

In Liebe,

Clara.
3.6.09 11:26
 


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