Foliage

Brief vom 11. Juni 1895

Liebster Johann,

So oft fürchte ich, dass Dein Bild in meinem Gedächtnis verblasst, dass ich selbst die winzigen Bruchstücke vergesse, die mir vergönnt waren. Der Gedanke eines Tages nichts mehr von Dir in Erinnerung zu haben bereitet mir schreckliche Angst. Aber manchmal, wenn ich mir Sorgen darüber mache diese kleinen Kostbarkeiten verloren zu haben, dann kommst Du zu mir in meinen Träumen. So wie heute Nacht.

Wir waren unterwegs auf einer Landstraße, mitten im Regen. In einer Kutsche holperten wir über Steine und durch lehmgetränkte Pfützen. Du saßst mir gegenüber und sprachst zu mir während der Regen leise und sanft auf die grünen Felder fiel. Ich erinnere mich nicht was du sagtest, aber wohl an Deine Stimme, deine wundervolle Stimme! Oh, was würde ich geben sie jetzt hören zu können wenn Du leibhaftig vor mir stündest! Es schien mir alles so wahrhaftig, es lag alles vor mir, als wäre es nie von der Zeit ausgeblichen worden. Deine wunderschönen strahlend blauen Augen, Dein Lächeln und die kleinen Falten, die sich dann in Deine Mundwinkel schleichen und Deine hellen Bartstoppeln, gerade einen Tag alt. Wir fuhren an einem kleinen Gasthaus vorbei und sahen im Innern derbe Bänke und Tische aus dunklem Holz. Du meintest es müsse wohl fürchterlich dort sein, aber ich war schon einmal dort gewesen und überzeugte Dich, dass es trotz allem sehr angenehm war. Ich blickte auf einen Platz an einem Fenster.

Dann wurde ich geweckt von den rüttelnden Fensterläden, die einen heftigen Sturm ankündigten und dem prasselnden Regen an den Scheiben. Welch süße Qual es doch war, denn Du lagst nicht neben mir. Es war nichts als ein schöner Traum, wie so oft und die Sehnsucht übermannte mich einmal mehr. Für einen Moment erblickte ich im Spiegel der Scheiben meine leuchtend roten Wangen und ich musste lächeln. So blieb mir zumindest die Gewissheit, dass auch Du noch nicht verblasst bist.

Die Liebe macht einen Menschen so lebendig wie nichts sonst.

In Liebe,

Clara.

11.6.09 22:28
 


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