Foliage

Brief vom 20. Juni 1895


Liebster Johann,

So viele Jahre war ich unglücklich nachdem Du fort warst, so viele Jahre habe ich gewartet auf Dich und nicht an anderen Orten nach Glück gesucht als in meiner Erinnerung an Dich.

Nach so vielen Jahren fand ich einen anderen, den ich liebte und ich hoffte, dass meine gepeinigte Seele nun Frieden finden würde und ich bemühte mich nicht zu vergleichen, was man nicht vergleichen kann. Doch es gab so viele Nächte, in denen ich allein an diesem Tisch saß, bitterlich weinte, mich sehnte und Dir Briefe und Gedichte schrieb, die ich niemals abschickte. Ich kam mir so lächerlich vor einen Menschen zu begehren, den ich wohl kaum noch kennen konnte. In so vielen Nächten weinte ich mich in den Schlaf obwohl ich etwas gefunden hatte um das mich viele beneidet hätten. Es konnte nicht sein, dass Du mich vergessen hattest, das wusste ich, aber ich zweifelte auch so oft daran.

Ein Teil meiner Seele hatte die Hoffnung aufgegeben und verfasste nur wenige Zeilen, kaum mehr als zwei Mal die Feder einzutauchen, so wenige Worte, so ehrlich und aus meinem tiefsten Herzen heraus. Der einzige Brief, den ich je abschickte ohne eine Antwort zu erhoffen.

Das Schicksal verspottete mich, als ich sie in der Hand hielt, einen Brief so wunderschön und so verstörend zugleich, dass ich ihn nicht im Ganzen lesen konnte ohne dass ich angefangen hätte am ganzen Leib zu zittern, aufzuspringen und schwer atmend einige Schritte zu flüchten. Du hattest in all den Jahren an mich gedacht und fürchtetest ich sei Dir böse, doch das war ich nicht. Wie könnte ich es auch? Ich erschaudere bei dem Gedanken an diesen Tag und ich verfluchte so oft das Schicksal, das mich an Dich band. Ich verabscheute mich für meine Undankbarkeit einem ehrenwerten Mann gegenüber, dessen einziger Fehler es war mich zu lieben und nicht Du zu sein. Wäre es besser gewesen nie von Dir erfahren zu haben, nicht zu wissen, dass es Dich und eine Liebe solchen Ausmaßes gibt? Dann wüsste ich mein kleines Glück mehr zu schätzen, denn es ist unmöglich Dich zu vergessen, Dich zu hassen, Dich aus meinen Gedanken zu verbannen.

Es wird für immer so sein: Dich lieben oder fliehen vor Dir.

In Liebe,

Clara.

20.6.09 01:14
 


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