Foliage

Brief vom 21. Juli 1895


Liebster Johann,

Vor genau acht Jahren lief ich schnellen Schrittes über die alten Pflaster der Stadt. Ich hätte wohl auch langsamer gehen können, denn der große, bronzene Zeiger der Domuhr hatte den obersten Punkt der Scheibe noch nicht erreicht. Doch meine Füße waren so ungeduldig wie mein Geist und es beruhigte mich ein wenig wenn beide in Einklang waren. Mit nur wenigen Schritten hätte ich meinen Bestimmungsort erreicht, aber ich wollte nicht zu früh sein, wollte nicht stehen und warten müssen und mich ängstlich umblicken. Ich folgte dem schmalen Weg entlang der Stadtmauer nach Norden. Mein Herz schlug schneller und ich war mir sicher, dass ich noch nie in meinem Leben so erwartungsvoll und zugleich voller Angst einem Augenblick entgegengesehen hätte. Meine Schritte beschleunigten sich und ich näherte mich dem riesigen Dom, der den beschaulichen Platz vor ihm und dahinter die gesamte Stadt überragte. Der Schlag der großen Turmuhr prasselte jetzt auf das alte Stadtpflaster hernieder und ich begann zu zittern. Obwohl ich es nicht sehen konnte, wusste ich, dass der große Zeiger der Uhr jetzt eine leuchtende, bronzefarbene Linie mit dem kleinen bildete. Ich konnte den Platz noch nicht sehen, denn ich hatte beschlossen ihn von Norden her zu betreten, von dem schmalsten und am wenigsten genutzten Weg. Erneut donnerte ein Glockenschlag durch die Luft. Ich schmiegte mich an die kühlen, alten Mauern des Domes, wand mich von einer schattigen Nische zur nächsten während das donnernde Hallen der Glocken mir in den Ohren brannte und meinen ganzen Körper beben ließ. Nur noch ein Mauervorsprung des Domes trennte mich von dem großen Platz davor und nun wurde es still. Ich atmete noch einmal tief ein und zitternd aus und dann trat ich in das blasse Licht des späten Nachmittages wie ein scheues Reh auf eine Waldlichtung.

Zum ersten Mal in diesem Leben erblickte ich deine Gestalt und ich erinnere mich nicht mehr, wie Du so plötzlich vor mir stehen konntest. Ich hätte den Platz von vielen Seiten betreten können und doch hattest Du auf eine mir verborgene Weise ahnen können woher ich kommen würde und warst mit nur wenigen Schritten so unfassbar nah. Vermutlich waren auch meine Füße einfach weiter gelaufen und jetzt starrte ich Dich geradezu an als wärst Du ein Geist. Mein Herz hämmerte gegen meine Brust. Ich konnte nicht ein einziges Wort sagen, nichts denken, nicht einmal atmen. Ich konnte nichts als Dein Gesicht mit einem starren Blick zu erfassen und dann durchfuhr mich die Erkenntnis wie ein warmer Schauer: DU warst es, der vor mir stand, ein Mensch, aus Fleisch und Blut, der Mensch, mit dem ich unendlich viele Briefe, die dunkelsten Stunden meines Lebens, ein tiefes Verlangen und nicht zuletzt meine Seele geteilt hatte. Wir blickten uns zum ersten Mal in die Augen und doch hatten wir schon unendlich viel voneinander gesehen, mehr als so viele Menschen, die sich jeden Tag begegnen. Ich weiß bis heute nicht, was Du wohl in diesem Moment dachtest, der sich auf ewig in meine Erinnerung einbrannte. Du hattest ein leichtes Lächeln auf den Lippen als Du aufmerksam in meine großen braunen Augen sahst, meine zitternde Hand berührtest und sagtest:

Alles Gute zum Geburtstag.

In Liebe,

Clara.

21.7.09 18:00
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


randbemerkungen / Website (21.7.09 23:08)
Herzerwärmend, schön. Mir gefällt der alte Stil...

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