Foliage

Brief vom 17. August 1895

Liebster Johann,

Der Donner grollt schon in der Ferne und hallt noch über die Berge hinüber. Der Regen hat ein gleichmäßiges, monotones Rauschen angenommen und plätschert in kleinen Rinnsalen an den Wegen entlang, leise, emsig und doch friedlich gurgelnd. Die staubige, drückende und flimmernde Hitze ist hinfort geschwemmt. Die zart duftende Kühle, die durch mein Fenster hereindringt, erfrischt meine glühenden Wangen. Durch meine geschlossenen Lider dringt nur noch vereinzelt das grelle Flackern der Blitze in der Ferne.

In solchen Momenten weiß ich nicht sicher, ob mich die Sehnsucht zu erdolchen droht oder ob ich die größte, friedlichste innere Gewissheit spüre. Als lägst Du neben mir auf dem Bett mit geschlossenen Augen. Wir könnten uns nicht sehen. Wir hätten nicht den Wunsch das süße Konzert, das unsere Sinne betört, mit Worten zu durchbrechen. Wir lägen einfach nur da, als gäbe es keinen vergangenen Tag und keinen neuen Morgen. Wir hätten selbst Furcht uns nur zu bewegen, als ob es nur ein zarter Traum wäre, der jede Sekunde zu zerbrechen drohe. Dann fühle ich mich, als lebte ich nur in Dir, fast als wäre ich eine Erinnerung in Deinen Gedanken. Ich würde nur dann existieren, wenn Du an mich dächtest. Ich fühle mich frei, schwebend und ohne jede feste Form, nur um Dich kreisend und verschmelzend mit Deinem regengrauen Blick.

Ich hauche einen Kuss in Deine Erinnerung.

In Liebe,

Clara.

17.8.09 21:45
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Nat. / Website (17.8.09 22:19)
Einfach tiefgründig...
so schön zu lesen.
Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Erlebt sie, und ihre Gefühle zu ihm.

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