Foliage

Brief vom 18. März 1896

Liebster Johann,

Schon wieder plagten mich schlimme Vorahnungen und Alpträume. Ich wand mich im Schlaf und träumte Du lägest neben mir, nähmst mich in den Arm. Du schienst zärtlich, aber Dein Blick war nur kalt und leer, abwesend. Ich wollte Dich küssen, doch Du drehtest Deinen Kopf fort, wolltest nicht bei mir sein, Dich nicht preis geben. So war ich nur ein Zeitvertreib geworden. Doch ich ging nicht, ich schrie Dich nicht an. Wie ein Hündchen bettelte ich um Deine Zuneigung und war dankbar nur bei Dir sein zu können.

Aus diesem Traum hochgeschreckt, war ich entsetzt über mich selbst. Könnte es wirklich so sein? Würdest Du mir das antun? Würde ich es erdulden, ja schlimmer noch, es ersehnen, nur um bei Dir zu sein?

Das beklemmende Gefühl blieb den ganzen Tag. Doch es wandelte sich. Es wurde zur Furcht. Die Vorahnung es könnte Dir nicht gut gehen, es könnte Dir etwas zugestoßen sein. Ich würde es vielleicht nie erfahren. In solchen Momenten will ich nichts tun, als los zu laufen, zu Dir, so schnell mich meine Füße tragen. Doch am Ende hätte mich mein Gefühl vielleicht getäuscht und ich wäre erschöpft und gedemütigt. Du hieltest mich gewiss für töricht einen solchen Weg auf mich zu nehmen. Doch ich kann den Gedanken nicht abwenden, dass mein Gefühl eines Tages echt sein wird, dass Dir etwas zustoßen könnte, dass Du Dir selbst zustoßen könntest und ich würde es fühlen. Ich würde es wissen und vor lauter Angst nichts tun und für ewig bereuen nicht einfach los gelaufen zu sein.

In Liebe,

Clara.

18.3.10 19:08
 


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